Zwischen 10 und 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erfüllen die Kriterien für ein Reizdarm-Syndrom (englisch IBS). Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Krankheit ist funktionell, das heißt: bei der Untersuchung findet sich keine strukturelle Ursache, die Beschwerden sind aber ganz real.
So stellt der Arzt die Diagnose
Ein Reizdarm wird nicht ausschließlich per Ausschluss diagnostiziert. Die Rom-IV-Kriterien fordern wiederkehrende Bauchschmerzen an mindestens einem Tag pro Woche über 3 Monate, verbunden mit einer Veränderung der Stuhlfrequenz oder -konsistenz. Die Ärztin oder der Arzt schaut trotzdem einmal genauer hin, um andere Ursachen auszuschließen (Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, in seltenen Fällen bösartige Erkrankungen).
Unklarer Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, nächtliche Beschwerden, Fieber, Anämie in der Blutuntersuchung, Erkrankungsbeginn nach dem 50. Lebensjahr, familiäre Vorgeschichte mit Darmkrebs oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. In diesen Fällen sollten weitere Untersuchungen wie Koloskopie oder Bildgebung erfolgen.
Was tatsächlich hilft
- Low-FODMAP-Ernährung als zeitlich begrenzte Auslass- und Wiedereinführungsphase (üblich sind 4 bis 8 Wochen strenge Phase, danach schrittweise Wiedereinführung) – möglichst unter qualifizierter Ernährungsberatung
- Ballaststoffe langsam steigern (Flohsamenschalen sind meist gut verträglich, Weizenkleie oft nicht)
- Regelmäßige Bewegung reduziert Beschwerden nachweislich
- Bauchgymnastik und Yoga können die Schmerzintensität verringern
- Bei psychischer Komponente: kognitive Verhaltenstherapie oder hypnotherapeutische Ansätze haben gute Studienlage
Medikamente: nur bei Bedarf und individuell abgewogen
Ob und welche Arzneimittel bei einem Reizdarm sinnvoll sind, wird ärztlich individuell entschieden. In der Diskussion sind unter anderem Loperamid bei kurzzeitigem Durchfall, Macrogol bei Verstopfung und krampflösende Mittel wie Butylscopolamin. Auch Präparate wie Rifaximin oder niedrig dosierte Antidepressiva werden im Einzelfall erwogen. Nutzen, Risiken und der aktuelle Zulassungsstatus in Deutschland müssen jeweils individuell geprüft werden – manche Anwendungen sind nur für bestimmte Reizdarm-Formen oder außerhalb der Zulassung möglich. Probiotika sind eine Option; die Evidenz variiert je nach Präparat. Nichts davon ist zur unkritischen Dauereinnahme geeignet.
Was oft nicht hilft
Aufwendige IgG-Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten (nicht wissenschaftlich anerkannt, werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet), teure „Detox"-Kuren und alle möglichen exotischen Diäten aus dem Internet. Wer Beschwerden hat, ist gut beraten, eine gastroenterologische Praxis aufzusuchen und die Diagnostik einmal sauber durchzuziehen.